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Kritischer Realismus: Denkansatz gegen Tunnelblick im (Online) Marketing

Ein ungewöhnlicher erster Beitrag auf dem Corporate Blog, wie man es so schön sagt. Angestoßen durch einen wissenschaftlichen Artikel, der die Forschungsbemühungen im Bereich der Informationssysteme vor dem Hintergrund des kritischen Realismus darlegt. Vertreten wird eine starke realistische Ontologie, die man als Gegenstück zum Empirismus und Positivismus versteht. Gerade für Interessenten im Bereich des Data-driven Marketing scheint die Beschäftigung mit solchen Denkansätzen unzweckmäßig, doch ist gerade das nötige Maß an Selbstkritik und dem Vorleben alternativer Denkstrukturen essentiell für einen Erfolg im Zeitalter der Informationsvielfalt. Ein Appell an Zahlenjongleure.

 

Themen: Kritischer Realismus, Data-Driven Blindheit, Denkweisen


Kritischer Realismus im Online Marketing
 
Der kritische Realismus offeriert uns alternative Betrachtungsweisen für bestehende Probleme. Dabei ist es erstmal grundsätzlich egal, welche Art von Problem hier gemeint ist. Kritische Realisten verteidigen die Ontologie, dass eine Welt existiert, auf die Kausalitäten wirken und das unabhängig vom menschlichen Wissen. Man positioniert sich demnach als Gegner des Positivismus, der die Welt auf das Beobachtbare (empirisch und messbar) reduziert, und des Konstruktivismus, der die Welt auf die Grenzen des menschlichen Wissens reduziert.

Grundsätzliche Denkweisen des kritischen Realismus

Die wahre Welt nehmen wir theoretisch und verzerrt durch unsere Wahrnehmung auf. Dabei akzeptiert der kritische Realismus verschiedene Objekttypen und ihre Einflüsse, die einen ontologischen oder erkenntnistheoretischen Charakter aufweisen. Der kritische Realismus befürwortet eine Mischung aus verschiedenen Forschungsmethoden, da für die unterschiedlichen Charakteristiken unterschiedliche Untersuchungsmethoden anzuwenden sind. Ein Denkansatz hierbei ist ganz entscheidend:

Aus Sicht der kritischen Realisten entspricht Wissenschaft nicht der Aufnahme von konstanten Konjunktionen von beobachtbaren Ereignissen! Grob formuliert entspricht dies einem fahrlässigen Verhalten durch minder durchdachte Implikationen oder simplen Fehlschlüssen. Die Absprungsrate auf meiner Website ist hoch, ich habe einen Fehler gemacht.

Es geht mehr um die Objekte, Entitäten und Strukturen, die für die Ereignisse verantwortlich sind. Das ist eine transzendentale Argumentation, d.h. wir sind uns über die Existenz der Objektarten nicht sicher. Wir brauchen diesen Denkansatz, um den Denkpfad nachvollziehen zu können.

Denkpfad im kritischen Realismus

  1. Schritt eins: Wir beobachten ein Phänomen, eine Abweichung oder schlicht ein Ereignis.
  2. Wie muss dieses System, diese kleine Welt per se, gestaltet sein, sodass es zu diesem Ereignis gekommen ist?
  3. Konstruktion hypothetischer Mechanismen, die Ursache für das zu erklärende Phänomen sein können
  4. Entfernen von alternativen Erklärungsansätzen durch Testen der Effekte und Hinzufügen neuer Denkansätze

Der Pfad wirkt wie ein eklektischer Algorithmus. Dabei gibt es stets einen epidemischen Irrtum. Der Empiriker schließt nun von der bloßen Existenz, von der bloßen Zahl, auf die Existenz als Bestandteil des Wissens. Die Zahlen gehen nach oben, wir haben alles richtig gemacht!. Für einen reinen Empiriker kann das nicht Wahrnehmbare nicht existieren. Ein tunnelartiges Interpretieren von Datensätzen führt zu einer zweifachen Reduktion der Realität: (1) Ich schließe auf Gesetzmäßigkeiten anhand endlicher Ereignisse und (2) kategorisiere zukünftige Ereignisse anhand dieser Ereignisse. Das klingt nicht vernünftig, oder?

Wie können wir sicher sein, dass Ereignisse auf Verbindungen, sprich Gesetzmäßigkeiten basieren, statt reinem Zufall? Wir benötigen statistische Methoden. Dabei unterstreicht man die Idee einer kombinierten Betrachtungsweise verschiedener Forschungsmethoden (“Multimethodology”).

Bhaskar: Real, actual und empirical

Roy Bhaskar half sich mit einem Schichtsystem, das die Realität in die reale, eigentliche und empirische Realität unterteilt. Die reale Realität umfasst alles und hat somit eine Art übersinnlichen Charakter. Die eigentliche Realität umfasst die Ereignisse, die passiert und nicht passiert sind. Die empirische Realität ist in der eigentlichen Realität enthalten und umfasst die beobachteten und erlebten Ereignisse. Diese Form der Schichtung wird dann nochmal auf die Objekte innerhalb des Ereignisses angewandt. So kann man sich mithilfe des Denkpfads stets der vermeintlichen Wahrheit nähern.

Learnings: Denkweise des kritischen Realismus

  • Objekte, Entitäten und Strukturen: Verstehen Sie die Kausalitäten hinter den Ereignissen und messen Sie das Ausmaß der Kausalität.
  • Verinnerlichen Sie den Denkpfad. Notieren Sie sich eine Liste an Hypothesen und prüfen Sie diese stets auf ihre reale Aussagekraft.
  • Reines Datenlesen führt zu einer vermeintlich doppelten Reduktion der Wirklichkeit!
  • Verwendung von mehreren Forschungsmethoden und Untersuchungsmetriken.
  • Realität in Stufen: Das Gemessene ist nicht gleichzusetzen mit den wahren Kausalitäten. Wir formen eine eigentliche Realität.

 

 

Weitere Links:

– Critical Realism in Information Systems Research
– Scientific Realism and Human Emancipation
– Principles for Conducting Critical Realist Case Study Research in Information Systems.

 

 

Vielen Dank an Salvatore Ventura für das Beitragsbild.

Marvin Jörs

Marvin Jörs ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Skyscraper Marketing UG. Bereits mit 14 Jahren absolvierte Jörs sein erstes Schulpraktikum bei der Deutschen Telekom mit Aspekten aus der Suchmaschinenoptimierung. Seitdem erfolgten mehrere berufliche Stationen sowie Aktivitäten als freiberuflicher Webdesigner. Er hat an der Technischen Universität in Darmstadt einen B.Sc. in Wirtschaftsinformatik abgeschlossen.
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